Emilia

Wien, November 2013.
„NEIN, ICH WILL ALLEINE SEIN MIT DEN ELTERN!“
Wir sind zu Besuch bei meiner Schwester in Wien, die unseren Sohn Constantin, damals 3 Jahre, gerade gefragt hat, ob er nicht gern ein Geschwisterchen hätte.

Um den Jahrenswechsel 2013/2014.
„Na gut, dann kriegen wir halt ein Baby.“
Constantin steht gerade auf der Leiter des Spielturmes im Hof bei unserer damaligen Wohnung in Linz.
Ganz plötzlich und unvermittelt gibt er sein Okay.
Er weiß offenbar mehr als wir, denn Tamara ist zu diesem Zeitpunkt bereits schwanger. Wir selbst ahnen jedoch noch nichts.

Erst ein paar Wochen später bekommen wir die Bestätigung:
Errechneter Geburtstermin: 11. September 2014.

Pfingsten 2014.
Wir übersiedeln in das Haus, das wir vor kurzem gekauft haben.

Juni 2014.
Wir sind auf Urlaub in Italien und sprechen über Babynamen.
Da wir das Geschlecht nicht wissen, brauchen wir zumindest zwei.
Ein Bubenname fällt uns nicht wirklich ein, für ein Mädchen fassen wir Emilia ins Auge. Auch Constantin ist einverstanden.

Freitag, 22. August 2014.
Ich habe Karten für das Konzert von Ostbahn-Kurti auf der Kaiserwiese in Wien. Noch mehr als drei Wochen bis zum Geburtstermin. Da sollte nichts sein, außerdem bin ich aus Wien eh relativ schnell zurück.
Tamara will mich aus naheliegenden Gründen nicht begleiten, also nehme ich meinen Freund Christian mit.
Als wir bereits auf dem Weg sind, ruft mich Tamara an. Constantin hat sich bei den Großeltern am Trampolin verletzt, sie fahren jetzt mit ihm ins Krankenhaus. Ich kann ohnedies nichts tun, also fahre ich weiter.
Als wir bereits in Wien sind, ruft sie mich wieder an. Constantin hat sich das Schienbein gebrochen und bekommt jetzt für einige Tage einen Liegegips, dann einen Gehgips.
(Exkurs: Immer wenn ich zu Ostbahn-Kurti-Konzerten fahre, verletzt sich jemand in der Familie. 2016 hat sich Tamara die Außenbänder des Sprunggelenks gerissen.)

Christian und ich gehen ins Schweizerhaus, dann zu Ostbahn-Kurti, danach noch in ein Lokal. Fahren darf wohl keiner mehr von uns beiden, während des Konzerts wird der Akku meines Handys leer. Aber es sind ja noch drei Wochen bis zum Geburtstermin…

Montag, 25. August 2014.
Nachdem wir Constantin das ganze Wochenende tragen mussten, bekommt er heute den Gehgips.

Dienstag, 26. August 2014.
Ca. 6 Uhr früh.
Tamara fragt mich, ob ich heute Termine habe.
Ich verneine. „Warum?“
„Ich glaube, das Baby kommt.“

Wir haben ja eine Hausgeburt ins Auge gefasst, falls es passen sollte, aber die (leider vor kurzem verstorbene) Hebamme ist in dieser Woche auf Urlaub. Also passt es nicht.

Tamara legt sich – wie schon vor der Geburt von Constantin – in die Badewanne.
Ich rufe die Großeltern an, damit sie kommen und auf Constantin aufpassen. In der Kanzlei kündige ich an, heute nicht zu erscheinen.

Die Großeltern kommen gegen 8 Uhr. Tamara packt noch ein paar Sachen, die Wehen kommen in immer kürzerem Abstand.
Plötzlich der Blasensprung!
„Blasensprung – nur mehr liegend transportieren“, fällt mir aus meiner Zeit beim Zivildienst ein (wo ich übrigens im Rettungsauto eine Geburt miterlebte – doch das ist eine andere Geschichte).
Ich rufe also 144, aber offenbar kommt die Dringlichkeit nicht wirklich rüber, denn wir warten und warten und warten, aber die Rettung kommt nicht.
Tamara wird immer unentspannter, Constantin spricht später von „Nerven daunighaut“.
Ich rufe nochmals 144, weise auf den bereits sehr kurzen Wehenabstand hin. Die örtliche Rettung dürfte bei einem anderen Einsatz sein, ein Fahrzeug aus Linz sei unterwegs.

Tamara drängt darauf, dass wir selbst fahren. Also gut. Gegen 9:15 Uhr starten wir. 21 Kilometer vor uns.
Einerseits soll ich schnell fahren, andererseits habe ich eine sehr wertvolle Fracht an Bord. Der sogenannte „Lufthunderter“ auf der Autobahn ist zum Glück gerade nicht in Betrieb. Neben mir am Beifahrersitz eine schreiende Frau.
Es geht relativ zügig voran, nur bei der letzten Ampel vorm Krankenhaus bleibt das Auto vor mir bereits bei grün blinkender Ampel (!!!) stehen. Ich mache, was ich sonst nie mache: Ich überhole und biege vor dem stehenden Fahrzeug nach rechts zum Krankenhaus ein.
Für die Tiefgarage ist auch keine Zeit mehr. Ich ignoriere das Fahrverbot in der Zufahrt, parke direkt vor dem Klinikeingang, schnappe mir einen Transportstuhl, verfrachte Tamara darauf und schiebe sie ins Krankenhaus.
Der Portier erkennt die Dringlichkeit der Lage und ruft „immer der roten Linie nach!“
Schnell rein in den nächsten freien Kreißsaal, zwei Hebammen eilen herbei,  niedergelegt, dreimal gepresst, das Baby ist da.
9:43 Uhr. Ein Mädchen! Emilia!
Da das jetzt doch ein bissi ein Stress war, kommen mir die Tränen der Erleichterung und ich kann fast nicht mehr aufhören zu weinen.

Nachdem ich die wichtigen Dinge (Nabelschnur durchschneiden) erledigt, mich einigermaßen erholt und die nächsten Verwandten verständigt habe, fällt mir ein, dass ich mein Auto eventuell umparken sollte. Es steht noch immer vor dem Klinikeingang, die Beifahrertür ist sperrangelweit offen. Da war wohl keine Zeit mehr, sie zu schließen.

Am Nachmittag kommen Tamaras Eltern mit Constantin. Sie erzählen, dass die Rettung, als sie dann endlich kam, unser (etwas abseits gelegenes) Haus nicht gefunden hat. Naja, wäre sich ohnedies nicht ausgegangen. Auch die Hebamme aus dem Mühlviertel wäre wohl zu spät zu einer Hausgeburt gekommen.

„Ich bin glücklich, dass wir jetzt zu viert sind“, meint Constantin.
Ein Urteil, das er noch oft revidieren wird.

 

 

Hitzefrei

Donnerstag, 7. Juli 2016
Am Abend vernehme ich einen mir unbekannten Piepston im Haus. Ich gehe dem Geräusch nach und finde heraus, dass es aus dem Kühlschrank kommt.
Ich drücke den „Alarm“-Knopf, der Piepston verstummt. Da ich gerade mit etwas anderem beschäftigt bin, vergesse ich, der Sache nachzugehen.

Freitag, 8. Juli 2016
Als ich am Nachmittag vom Büro nach Hause komme, schreit mein Sohn nach einem Butterbrot. Ich hole die Butter aus dem Kühlschrank und wundere mich, dass sie so schön streichfähig ist.
Ein Blick auf die Temperaturanzeige verrät mir: im Kühlschrank hat es 26 Grad.
Im Gefrierfach sind wir auch schon auf Plusgraden.
Ich lese die Bedienungsanleitung, die sagt mir sinngemäß: „Entweder es wird von selbst wieder, sonst rufen Sie den Kundendienst.“

Da wir im Keller noch unseren Kühlschrank aus der früheren Wohnung in Betrieb haben (vorwiegend zum Bierkühlen), beginne ich, dort das Bier auszuräumen (bis auf eine Notration natürlich) und die Sachen vom Kühlschrank in der Küche einzuräumen.
Die Dinge im Gefrierfach sind leider großteils zu entsorgen. Diejenigen, die noch nicht vollständig aufgetaut sind, werden sogleich auf den Speiseplan gesetzt.

Nachdem von selbst nix wird, werde ich wohl den Kundendienst anrufen. Der macht natürlich am Freitag zu Mittag Schluss. Also dann, bis Montag!

Montag, 11. Juli 2016
Punkt 8 Uhr rufe ich beim Kundendienst an. Ein Termin heute ist natürlich nicht mehr möglich. Der Techniker wird morgen Vormittag kommen, konkret zwischen 9 und 11 Uhr.

Dienstag, 12. Juli 2016
Der Techniker erscheint tatsächlich um 9 Uhr 50.
Er begutachtet den Kühlschrank, baut ihn aus und stellt fest, dass der Verdampfer undicht sei und der Kompressor feststecke. Ein Reparatur ist nicht möglich, aber der Techniker übergebt ein Kärtlein des Herstellers zur Abwicklung einer Kulanzlösung. Mein erster Gedanke ist „Geplante Obsoleszenz„.

Wir haben unser Haus vor zwei Jahren samt Kühlschrank gekauft. Zum Glück hat uns der Verkäufer zwei Ordner mit sämtlichen Kaufverträgen, Rechnungen etc. übergeben. Dort finden wir die Rechnung, der Kühlschrank wurde vor sechs Jahren gekauft.

Der Techniker stellt den Kühlschrank auf den Gang und nimmt 114 Euro.

Ich scanne die Rechnung und den Bericht des Kundendienstes ein und maile sie mit dem Ersuchen um eine Kulanzlösung an den Hersteller.

Mittwoch, 13. Juli 2016
Als ich von einer Besprechung in mein Büro zurückkomme, sehe ich auf meinem Handy, dass mich um 8 Uhr 43 jemand angerufen hätte. Ich höre die Mobilbox ab, es ist Herr L., Mitarbeiter des Herstellers, er möchte bezüglich der Kulanzlösung mit mir sprechen.
Ich rufe zurück, gelange nach zehn Minuten in der Warteschleife offenbar in das Callcenter. „Haben Sie eine Ticketnummer?“ Nein! Verbinden mit Herrn L. ist nicht möglich, er richtet diesem einen Rückruf an.

13 Uhr 13. Der Rückruf „ereilt“ mich beim Mittagessen.
Herr L. fragt an, ob wir mit dem Kühlschrankverkäufer von vor sechs Jahren Kontakt hätten. Ich verneine, weil ja nicht wir das Gerät dort kauften.
Er bietet an, mir ein Angebot zukommen sowie den Kühlschrank über seinen Servicepartner liefern und montieren zu lassen. Meine Frage, wie lange dies dauere, beantwortet er mit „Anfang bis Mitte nächster Woche.“
Ich werfe ein, dass es im Nachbarort einen Händler gebe, vielleicht könne man das über den (rascher) abwickeln? Er sucht und findet den Händler in seinem System und teilt mit, mit diesem Kontakt aufzunehmen, der dann wieder uns kontaktiere. Geht (vielleicht) schneller und (wahrscheinlich) günstiger hinsichtlich Lieferung und Montage.
Und nachdem die Kühl-/Gefrierkombination ja zu den Blenden in der Küche passen müsse, gebe es praktisch ohnedies nur ein Modell, das in Frage käme.

Donnerstag, 14. Juli 2016
Nachdem ich bis jetzt nichts mehr gehört habe, rufe ich am späten Vormittag beim Händler im Nachbarort an. Dort wurde man gestern vom Hersteller kontaktiert und ein E-Mail mit dem Angebot wurde angekündigt. Bis jetzt ist dieses E-Mail nicht angekommen.

Am Nachmittag rufe ich wieder einmal beim Hersteller an. Herr L. hat sich in der Zwischenzeit auf Urlaub begeben. Er habe jedoch gestern noch ein Kulanzangebot verfasst, das jedoch noch vom Chef unterfertigt werden müsse, ehe es an den Händler geschickt werden könne. Das E-Mail liege jedoch bereits „im Office“.
Ich weise darauf hin, dass wir seit sechs Tagen (theoretisch) ohne Kühlschrank sind.

Freitag, 15. Juli 2016
Der Händler aus dem Nachbarort ruft mich an, das Angebot wird angeblich am Montag kommen.
Ich weise darauf hin, dass wir seit sieben Tagen (theoretisch) ohne Kühlschrank sind, auch wenn der Händler nix dafür kann.

Montag, 18. Juli 2016
Nachdem ich bis am Nachmittag nichts vom Händler gehört habe, rufe ich dort an.
Das Kulanzangebot sei in der Zwischenzeit da, die zuständige Kollegin jedoch nicht. Diese werde mich jedoch morgen „gleich in der Früh“ anrufen.

Dienstag, 19. Juli 2016
Gegen 10 Uhr denke ich mir, dass jetzt „gleich in der Früh“ bereits vorbei sei, und rufe beim Händler an.
Dort wird mir mitgeteilt, dass der Kulanzpreis für den Kühlschrank knapp 60 Prozent des Listenpreises betrage. Ok, nehme ich (Was täte ich auch sonst?).
Das Gerät muss jetzt allerdings bestellt und dann noch geliefert und eingebaut werden. Dies allerdings um weniger als die Hälfte als der Servicepartner des Herstellers dafür verlangt hätte.
Ob ich helfen könne, weil der Techniker kommt alleine? Na gut. Bitte circa eine halbe Stunde vorher anrufen, dann bin ich bereit.
Wir fassen Freitag Vormittag ins Auge. Ich bin gespannt.

Freitag, 22. Juli 2016
Meine Frau ruft mich um 10.30 an, der Kühlschrank ist jetzt da.
Ich fahre nach Hause und helfe dem Techniker beim Einbau.
Der Kühlschrank muss jetzt ein paar Stunden (ausgeschaltet) stehen, damit sich das Kühlmittel vom Transport erholen kann. Dann muss er noch einige Stunden kühlen. Spätestens morgen können wir ihn benutzen.

Ein Happy End auf Kulanz nach 15 Tagen.

 

 

Herr Wageneder überlebt (Teil 2)

Fortsetzung von hier

Donnerstag, 16. Juli 2015
Ich liege in meiner Krankenhaussuite. Mit Blick auf den Pöstlingberg. Theoretisch zumindest, denn vom Bett aus sehe ich nicht hin.
In der Minibar gibt es Mineralwasser in 0,5-l-Flaschen, prickelnd und still. Nachdem ich es mir nicht selbst holen kann, stellt mir die Schwester ein paar Flaschen auf das Nachtkästchen.
Das Problem: Ich kann sie nicht öffnen, habe zu wenig Kraft in der Hand. Aber die Blöße, dafür dem Pflegepersonal zu läuten, gebe ich mir auch nicht. Irgendwann gelingt es mir dann mithilfe der Zähne.
Beim Trinken verschlucke ich mich ständig.

Für andere Erledigungen muss ich doch läuten: Harnflasche statt Katheter.
Nur wohin damit? Auf den Boden? Aber wenn sie dann jemand umstößt?
Ich lerne, dass es eine Halterung am Nachtkästchen gibt. Sehr praktisch.
Ein weiterer „Fortschritt“ ist der Leibstuhl: das ist ein Rollstuhl, bei dem man die Sitzfläche hochklappen und dann sein Geschäft in eine Art Topferl verrichten kann.

Eine Physiotherapeutin kommt. Am Bettrand aufsetzen, aufstehen, zwei Schritte links, zwei Schritte rechts, niedersetzen. Ich schwitze und mir ist schwindelig.
Sie lässt mir einen Rollator im Zimmer.

Tamara bringt mir bei ihrem Besuch mein Handy mit. Der PIN-Code fällt mir noch ein. Immerhin.
Einen Fernseher habe ich auch. Und viel Zeit. Aber es reizt mich nicht. Vor ein paar Tagen war ich fast tot und jetzt soll ich mir die Barbara-Karlich-Show anschauen? Das ist doch völlig absurd!

Der Akku vom Handy ist leer. Nona, ist ja 11 Tage nicht aufgeladen worden. Die Steckdose ist aber irgendwo weit über meinem Kopf. Dafür läuten? Sicher nicht! Mit akrobatischer Hochleistung schaffe ich es.
Aha, manche haben mich vermisst. Ich gebe ein Lebenszeichen ab. Nie war der Ausdruck treffender.

Ich entdecke auch die E-Mails, die Tamara mir schrieb (Teil 1). Die Tränen fließen. Und fließen. Und fließen.

Ich schicke Klemens eine Nachricht, mit dem ich ja am Tag vor Ausbruch meiner Krankheit noch fort war. Kurz darauf steht er in meinem Zimmer. Mit einem Haufen Mitbringseln, darunter „Men’s Health“. Kann ich gebrauchen.
„Den Rollator kannst gleich wegschmeißen!“

Die Nachtschwester freut sich sehr,  mich kennenzulernen: „Herr Wageneder, der Chef hat schon so viel von Ihnen erzählt. Endlich hab ich ein Gesicht zu Ihnen! Ich habe gerade Ihre ganze Krankengeschichte gelesen.“
„Na hoffentlich kriegen´S keine Alpträume.“

Leider bekommt sie bald genug Gelegenheit, mich wiederzusehen. Es ist circa 4 Uhr früh.
Ich läute.
„Ich glaube, ich habe Fieber.“
Sie misst. Über 39 Grad. Scheiße!

Die Schwester macht Topfenpatscherl, nimmt Blut ab, bringt Decken, lässt mich schwitzen.
Kurz vor ihrem Dienstende ist meine Temperatur unter 38 Grad. Sie macht Highfive mit mir und meint, nun könne sie heimgehen und beruhigt schlafen.

Freitag, 17. Juli 2015
Die Morgenvisite: Der Oberarzt ist schon informiert, dass ich wieder Fieber habe. Um die Infektionsgefahr zu mindern, kommen alle nicht mehr benötigten  Zugänge aus mir raus und Antibiotikum wieder rein in mich. Dreimal täglich eine Infusion. Habe ja eh schon lange keine mehr gehabt.

„Sollen wir duschen?“
„Wenn ich sitzen kann.“
Mit dem Leibstuhl werde ich bis zur Badezimmertür gerollt, von dort hantle ich mich in die Dusche, in der ein Hocker steht. Die Schwesternschülerin kommt in den Genuss, mich abbrausen zu dürfen.
Auch meine Wunden werden noch fotografiert.
„Kann ich die Fotos sehen?“
Ups, gar nicht so schön: Ein Schnitt auf der Schulter, vier Schnitte auf der Flanke, jeweils circa zehn Zentimeter und ziemlich klaffend.

Ein Mann betritt mein Zimmer. „Herr Wageneder? Wir fahren jetzt röntgen!“
„Aha. Was röntgen wir denn?“
„Keine Ahnung. Thorax vermutlich.“
Der Herr arbeitet im Bettentransport, er schiebt mich samt Bett (oder umgkehrt) vom Zimmer zur Radiologie, wo er mich am Gang abstellt. „Sie werden dann geholt.“
Neben mir stehen zwei Betten mit alten Leuten, die nicht mehr wirklich viel von ihrer Umgebung wahrnehmen. Lauter kranke Leute! Aber was mache ich hier?
„Herr Wageneder, können Sie stehen, wenn Sie sich anhalten?“
„Mit Anhalten schon.“
Tatsächlich ein Thoraxröntgen.
Ein anderer Transporteur holt mich wieder ab. Im Lift schaut er auf die Uhr und seufzt: „Erst halb elf.“ Es ist  sein vorletzter Arbeitstag vor der Pension.
„Ich bin eh schon 18 Jahre im AKH. Am Anfang war ich OP-Gehilfe, aber für das Bettenschieben bekomme ich das gleiche Geld und es ist weniger anstrengend.“
„Schöne Pension!“
„Gute Besserung!“

Wieder zurück im Zimmer kommt die Physiotherapeutin. Mit dem Rollator schaffe ich es durch den halben Raum.

Gleich danach werde ich wieder abgeholt. Eine meiner Wunden wird genäht. Sie wurden nämlich wegen der Infektionsgefahr bislang nicht verschlossen. Sekundärnaht nennt man das.

Mittagessen. Im Bett. Vom Klapptisch.
So kommt zumindest etwas Urlaubsstimmung auf, weil mehr Platz hat man beim Essen im Flugzeug auch nicht.

Zum Drüberstreuen gibts am Nachmittag noch einen Ultraschall von der Leber. Nix zu sehen.
Aber angeblich steckt der Pseudomonas in mir. Klingt wie ein griechischer Philosoph, ist aber ein Krankenhauskeim. Hat mir noch gefehlt. Aber zumindest das Fieber ist wieder niedriger.

Da meine Stimme sehr heiser klingt, kommt eine Logopädin vorbei und macht ein paar Übungen mit mir. Sie zeigt mir auch, wie ich trinken kann, ohne mich zu verschlucken. „Kleine Schlucke, nicht wie beim Bier!“

Später schaut auch noch ein Oberarzt vorbei, der für die Remobilisation zuständig ist. Ich bin auf seiner Abteilung vorgemerkt, allerdings ist derzeit kein Bett frei.
„Was sind Sie von Beruf?“
„Anwalt.“
„Da werden´S bald wieder in der Kanzlei sitzen.“

Ansonsten:
Ein Pilz in der Leistengegend: Salbe.
Gerötete Augen: Salbe, nach der ich dann länger nur Schlieren sehe.
Entzundenes Zahnfleisch: Zehn Minuten vor dem Essen betäubende Salbe drauf. Ich schmecke dann zwar weniger vom Essen, dafür tut es nicht weh.
Und Cortison-Brausetabletten.
Für die Haut: Mandelölsalbe.
Noch etwas? Ich weiß es nicht, aber gut möglich.

Samstag, 18. Juli 2015
Meine Temperatur ist wieder gestiegen, auf ungefähr 38 Grad. Sollte es morgen nicht weg sein, kündigt mir der Arzt ein Ganzkörper-CT und einen Herzultraschall an.

Am Vormittag besuchen mich Tamara und Emilia. Sie erkennt mich zunächst nicht mehr (also Emilia), zwei Wochen sind im Leben eines elf Monate alten Kindes eben eine lange Zeit.

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Mit dem Rollator wage ich mich erstmals auch auf den Gang. Die Schwester klebt mir schnell das hinten offene Nachthemd mit Pflaster zu, damit mir niemand etwas wegschauen kann. Mir wäre es wurscht, denn im Krankenhaus verliert man ohnedies schnell jegliches Schamgefühl.

Am Nachmittag besucht mich mein Freund Günter, der auch während des künstlichen Tiefschlafs einmal bei mir war. Damals war ich ziemlich aufgedunsen, aber ich hatte ja auch circa 17 Liter zusätzliche Flüssigkeit in mir.
Als ich mich über die vielen Untersuchungen beschwere, meint er, ich jammere schon wieder auf sehr hohem Niveau…

Als Günter weg ist, schnappe ich mir den Rollator und gehe selbst (SELBST!!!) aufs Klo. Ohne Personal! Ohne Unterstützung! Ein großartiges Gefühl, wer es nicht selbst erlebt hat, glaub es nicht.
Stuhl-Gang statt Fahr-Stuhl!

Sonntag, 19. Juli 2015
6 Uhr. Fieber messen.
37,2 Grad am Morgen.
Ich bin sehr erleichtert.

Constantin wird heute 5. Ich kann leider nicht bei seiner Feier dabei sein, aber er besucht mich das erste Mal. Ein bisschen irritiert scheint er schon zu sein von meinem Zustand.

11.30 Uhr. Mittagessen.

14 Uhr. Kaffee und Kuchen.

16.30 Uhr. Abendessen.

Ganz schön anstrengend, so viel zu essen. Und vor allem zu diesen für mich ungewohnten Zeiten. Aber um 18 Uhr muss ich ja schon Zähne putzen.

Montag, 20. Juli 2015
Temperatur unter 37 Grad.

Ich kann selbst ins Bad gehen. Das ist großartig!
Beim Duschen muss ich sitzen und brauche noch Hilfe, vor allem muss ich ja mit meinen Wunden aufpassen.

Die Logopädin kommt wieder und vermutet, dass ich eine Stimmlippenlähmung habe.

Ich frage den Arzt, welche Reha er empfiehlt: „Ganz egal. Wo Sie sporteln und wo es schön ist.“
Sonst passiert auch nicht viel, eigentlich könnte ich heimgehen auch.

Nachdem ich ja schon selbst ins Bad gehen kann, putze ich jetzt meine Zähne, wann ich will!

Dienstag, 21. Juli 2015
Eine meiner Wunden „saftelt“. Irgendwas ist immer.
Um die Flüssigkeit aufzufangen, bastelt das Pflegepersonal etwas aus einem Stomabeutel (= Seitenausgang-Sackerl). Zu den 3 Infusionen am Tag gibt es jetzt auch noch ein zusätzliches Antibiotikum per Tablette. Und wenn es nicht besser wird, schneiden sie morgen wieder rein.

Mit der Physiotherapeutin übe ich heute das Stiegensteigen. Einen Stock hinauf, dort zur nächsten Stiege und wieder einen Stock hinunter. Runter ist bedeutend schwieriger, weil man „bremsen“ muss.
Ich gebe der Physiotherapeutin den Rollator zurück, den brauche ich nicht mehr!

Der Oberarzt von der Remob besucht mich auch wieder. Voraussichtlich ab Freitag hat er ein Bett für mich frei. „Wir werden uns an der Leistungsgrenze bewegen.“ Ich bekomme etwas Angst, meine Leistungsgrenze ist derzeit sehr niedrig.

Mittwoch, 22. Juli 2015
Die Wunde hat sich gebessert, es ist keine weitere Operation erforderlich.

Eine HNO-Ärztin schaut via Nasensonde auf meine Stimmbänder. Ich schau über den Monitor zu. Das linke bewegt sich nicht. Stimmbandlähmung. Kein Wunder, dass ich nicht besser reden kann.

Auch auf der Haut- und auf der Augentabteilung habe ich Kontrollen.
Der Augenarzt fragt, ob ich Anwalt sei. Angeblich wusste er es nicht, aber er habe welche in der Familie und ich schaue auch so aus. Ob das ein Kompliment ist?

Am Abend besucht mich Klemens und schmuggelt ein Seiterl Bier ins Krankenhaus. So schmeckt Freiheit!

Donnerstag, 23. Juli 2015
Ich werde ungeduldig.
Meine BesucherInnen jammern über die große Hitze. Sie können gerne mit mir und meinem klimatisierten Krankenzimmer tauschen.
Mein einziger Zugang ins Freie ist derzeit der Raucherbalkon, und das in einem Krankenhaus.

Freitag, 24. Juli 2015
Tag 20 im Krankenhaus.
Ich werde auf die Remobilisationsstation verlegt, die aus ein paar Zimmern besteht, die sich auf der Unfallstation befinden.
Mit der Luxus-Einbettzimmer-Suite ist es jetzt vorbei, ich teile mein Doppelzimmer mit einem (in Österreich lebenden) Schweden, der ein neues Knie bekommen hat. Klimaanlage gibt es keine.

Die ersten Übungen mit der Physiotherapeutin sind machbar: Vom Bettrand  aufstehen oder abwechselnd auf die Fersen oder die Zehenspitzen stellen. Nach  3×10 Wiederholungen gerate ich dennoch ins Schwitzen.

Auch eine Ergotherapeutin checkt mich durch, es ist mehr ein Intelligenztest: Die Monate rückwärts aufzählen, rechnen, Dinge merken etc.
Bestanden! Ist aber – wie ich später sehen werde – nicht ganz selbstverständlich auf dieser Station.

Neue Station, andere Sitten:
Die Essenszeiten sind anders als auf der Chirurgie, die Thrombosespritze gibts am Nachmittag statt am Morgen, die letzte Infusion erst nach 22 Uhr.

Samstag, 25. Juli 2015
Wochenende.
Ich liege zwar nicht mehr auf der Sonderklasse, bin aber nach wie vor ein klasse(r) Patient: Im Gegensatz zu meinem Zimmernachbarn bekomme ich Mineralwasser und eine Tageszeitung (und der Nachbar dann meine).

Samstagvormittag radle ich eine halbe Stunde am Ergometer. Das war es aber dann schon an Programm für den Rest des Wochenendes. Die Visiten macht am Wochenende der Unfallchirurg, der mit mir naturgemäß wenig anfangen kann. Wahrscheinlich weiß er nicht einmal, was ich hatte.
Da hättens mich auf der Chirurgie auch lassen können!

Ansonsten bekomme ich viel Besuch, mit einem Freund schaffe ich es das erste Mal auch in den Garten des Krankenhauses.
Im Buffet gibt es nur alkoholfreies Bier, dafür aber Raucherbalkone auf jeder Station.

Der Schwede schaut „Wenn die Musi spielt“. So muss Integration!

Sonntag, 26. Juli 2015
Um 6.30 Uhr ist Tagwache: Blutdruck messen, Fieber messen.
„Gehen Sie duschen?“
„Später.“

Der Schwede meint, man wird hier „hospitalisiert“: Ständig Tabletten, lauter kranke Leute, die Frage nach dem Stuhlgang.

Mein Arm ist bei der Einstichstelle vom Venflon ganz entzündet und nässend. Eigentlich sollte man den ja regelmäßig wechseln, aber macht halt keiner.

Vom Radeln gestern auf dem Ergometer habe ich Muskelkater. Das kann ja heiter werden.

Abends mache ich es jetzt wie ganz Twitter und schaue Tatort.

Montag, 27. Juli 2015
Jetzt geht es los mit der Physiotherapie.

Für meinen Rehaantrag ist niemand zuständig. Hier meinen sie, den hätten die Chirurgen stellen sollen, die Chirurgen meinten, das könnens doch auf der physikalischen Medizin viel besser. Vermutlich freut es keinen.

Ich gehe vom 5. Stock ins Erdgeschoß und wieder rauf. Uff.

16 Uhr. Lovenox. Das ist kein englisch-lateinisches Mischwort für Liebensnacht, sondern die Thrombosespritze.
Gleichzeitig mit der kommt die Frage: „Hatten Sie heute schon Stuhl?“

Die Abendinfusion bekomme ich schon im Schlaf.

Dienstag, 28. Juli 2015
Morgenvisite.
„Ziehn’S das Krankenhaushemd aus, da schauen Sie so krank aus“, befiehlt der Oberarzt.

9 Uhr. Physiotherapie.
Anschließend Infusion
11.00 Uhr. Termin auf der Chirurgie-Ambulanz. Was nicht heißt, dass man gleich drankommt, sondern trotzdem mehr als eine Stunde warten muss. Zwei weitere meiner Wunden werden genäht. Nähteentfernung wird für Montag, 10. August vorgemerkt. Ich habe Schmerzen.
Schnell Mittagessen.
13.30 Uhr. Physiotherapie.
14.15 Uhr. Logopädie.
16.00 Uhr. „Hatten Sie heute schon Stuhl?“
Das artet ja fast in Stress aus hier!

Meine Tochter macht es mir gleich: Sie lernt jetzt auch Stehen.

Mittwoch, 29. Juli 2015
Endlich ist der Rehaantrag da.
„Entlassung voraussichtlich in der KW 32“ steht drin.
Nach kurzer Recherche stelle ich fest, dass wir derzeit KW 31 haben. Das sind ja gute Aussichten. Vermutlich senke ich hier den Altersschnitt zu sehr.

Aus dem Zimmer gegenüber höre ich: „Sie san do im Kraunkenhaus. Sie kinnan ned hoamgeh.“

16 Uhr. „Hatten Sie heute schon Stuhl?“

Der Schwede schaut „Inga Lindström“. Vielleicht ist er doch nicht so gut integriert?

Donnerstag, 30. Juli 2015
Der Schwede wird heute entlassen.

Zum Nachtisch gibt es Fruchtcocktail aus der Dose. Ich glaube, den hatte ich das letzte Mal Mitte der 80er. Dann boykottierte ihn meine Mutter wegen der Apartheidpolitik in Südafrika.

Der HNO-Arzt bei der Kontrolle klingt nicht sehr positiv. Eventuell ist der Nerv abgetrennt. Aber jetzt wird zumindest sechs Monate zugewartet und logopädisch trainiert. Danach kann man das vielleicht operieren.
Wie auch immer, mich deprimiert das.

Ein neuer Zimmerkollege zieht ein.
Mühlviertler, Motorradunfall: Beckenbruch, Steißbeinbruch, 3-facher Schienbeinbruch etc. Er ist schon sechs Wochen hier.
Er bekommt ziemlich viele Anrufe. „Die wissen Sachen, die da herinnen keinen interessieren.“ Da hat er recht.

16 Uhr. „Hatten Sie heute schon Stuhl?“
Der Trick ist, immer ja zu sagen, denn wer weiß, was ihnen sonst einfällt.

Der Mühlviertler schnarcht.

Freitag, 31. Juli 2015
Ich spüre Muskeln, von denen ich zuvor nicht ahnte, dass ich sie habe. „Nur am Limit wird man besser“, meint der Oberarzt.
Er verabschiedet sich in den zweiwöchigen Urlaub. Ich hoffe, dass ich ihn nicht mehr sehe.

Die Nähte an der Schulter kommen raus.

16 Uhr. „Hatten Sie heute schon Stuhl?“

Samstag, 1. August 2015
Ein Pfleger, der mich noch nicht kennt. Ich erzähle meine Geschichte. Wieder einmal.
„I derf goa ned sogn, wie vü mei Frau bei mir schon am Bugl herumzwickt hot.“
„Passen´S auf, dass nix einikummt.“

Nicht einmal meine Frau und meine Kinder besuchen mich, denn die fahren lieber in die Wachau, essen Marillenknödel und schicken mir Fotos davon 😉
Klugerweise schaue ich dann noch eine Kochsendung im Fernsehen.
Suboptimal, wenn man nur Krankenhausessen bekommt.

16 Uhr. Ihr wisst Bescheid!

Sonntag, 2. August 2015
Trainingsfrei!

Der Mühlviertler bekommt Besuch. Seine Besucher fahren, erzählt er mir später, jeden Sonntag nach Linz, um diverse Krankenbesuche zu machen. Sie sind auch eher hartnäckig, starten nach gefühlten zwei Stunden sogar eine Pensionsdiskussion.
„Gott sei dank sind sie weg“, meint der Mühlviertler anschließend. Ich bin da ja schon weiter. Ich schicke Besuch nach einiger Zeit auch wieder weg.

Montag, 3. August 2015
Tag 30.

Die Ärztin spricht aus, was ich bereits befürchtet habe: Nachdem ich nächsten Montag die Fäden rausbekomme, soll ich erst nächsten Dienstag entlassen werden.
Und noch zwei Tage Antibiotika.

„Es ist erst halb fünf am Nachmittag. Es scheint ja noch die Sonne. Jetzt ist’s noch nicht zum Schlafen.“
„Asssso?“
(Aus dem Nebenzimmer)

Dienstag, 4. August 2015
„Muskelkater? Drauftrainieren!“,
sagt die Physiotherapeutin.

Im gleichen Raum spielt die Ergotherapeutin mit ihren PatientInnen Memory und dergleichen.
Nicht zu beneiden. Beide Seiten nicht.

„Wos woin´S denn zoihn? Es gibt nix zum Zoihn.“
„Na, zoihn brauchen’S nix, des geht automatisch.“
(Aus dem Nebenzimmer.)

Mittwoch, 5. August 2015
Laaaaaangweilig. Und Muskelkater.

Donnerstag, 6. August 2015
Die Physiotherapeutin ist froh über den Zimmerkollegen und mich:
„Endlich Patienten, die sich Übungen nach einmal Erklären merken.“

Naja, kein Wunder, sonst läuft das eher so ab:

„Frau B., Rückenlage!“
Frau B: „Muss i mi niederlegen?“

Patientin: „Wird mir des eh ned zstoark?“
Physiotherapeutin: „I gspias ned.“

Freitag, 7. August 2015
Tag 34.
Heute wird die halbe Station entlassen. Auch der Mühlviertler.
Nur der mit der Zusatzversicherung darf noch übers Wochenende bleiben.

Ich bekomme also einen neuen Zimmerkollegen. Er ist in der Dusche gestürzt und hat sich den Oberschenkel viermal gebrochen. Dann ist er sieben Stunden (!!!) im Badezimmer gelegen, ehe man ihn gefunden hat.
Besonders schön fand er die Frage, warum er niemanden angerufen hat.

Aufgrund der Hitze und mangels Klimanlage sind die Fenster vom Frühstück bis Mitternacht geschlossen und die Zimmer verdunkelt.
Die Schwester: „Wir kommen von alleine und machen die Fenster auf. NICHT LÄUTEN! Wer läutet, bringt einen Kuchen.“
Wageneder: „Oder bekommt einen Einlauf.“

Samstag, 8. August 2015
Es gibt ja kaum etwas Schöneres als um 5:45 Uhr mit einer Blutabnahme geweckt zu werden.

Phyiotherapeutin: „Frau B., kommen’S um 10.30 zur Therapie.“
Frau B: „So spät?“
„Wieso spät?“
„Dann kommt ja das Essen.“
„Erst um 12.“

Heute heiratet meine Kollegin. Das wird wohl ohne mich stattfinden müssen.

Das TV-Programm an Augustsamstagen lässt zu wünschen übrig. So pendle ich halt zwischen Raucherbalkon, der hauptsächlich vom Personal genutzt wird, und Zimmer.

„Eine Klimaanlage bekommen wir erst, wenn Griechenland gerettet ist“, sagt der Nachtpfleger.

Dafür, dass mein Zimmernachbar behauptet, nicht schlafen zu können, schnarcht er ziemlich laut.

Sonntag, 9. August 2015
„Herr Wageneder, wie geht´s Ihna?“
„Gut, i wart aufs Heimgehen.“
„Schönen Sonntag und alles Gute!“
(Die Visite)

Ich begebe mich auf „Abschiedstournee“: Zuerst besuche ich die Intensivstation.
Aha, man muss heraußen läuten. Aber es gibt eine „Intensiv 1“ und eine „Intensiv 2“. Ich läute bei 1, werde eingelassen, aber niemand kennt mich.
Also gehe ich auf 2. Dort erkennt mich zunächst auch niemand, was aber wohl daran liegt, dass ich anders aussehe, wenn ich nicht intubiert bin und nicht 17 Liter Flüssigkeit im Körper habe.
Auch ich erkenne kaum jemanden wieder vom Personal und habe insgesamt ein komisches Gefühl auf der Station. Aber das Personal freut sich über meine Fortschritte.

Dann besuche ich noch die Chirurgie, auch dort freut man sich.

Montag, 10. August 2015
Tag 37.

Ich bekomme zuerst die Fäden raus, dann gibts noch eine HNO-Kontrolle. Die ist allerdings weniger positiv, denn mein linkes Stimmband bewegt sich nach wie vor nicht.

Als der Arztbrief fertig ist, bekomme ich die Erlaubnis zum Heimgehen.
Während ich darauf warte, abgeholt zu werden, esse ich noch zu Mittag. Mein Bett ist allerdings schon an den nächsten vergeben.

Tamara und Constantin holen mich. Wir verabschieden uns noch auf der Chirurgie und der Intensivstation, DANN VERLASSE ICH DIESES KRANKENHAUS!

Zuhause küsse ich den Boden.

Der 101. Tag des Jahres 2016

Friedls Meinung

Der 10. April ist der 100. Tag des Jahres, so will es der gregorianische Kalender. Dies ist eine Tatsache, die sich alljährlich wiederholt. Davon ausgenommen sind Schaltjahre. Hier rutscht nach dem 28. Februar alles um einen Tag nach hinten, der 10. April wird zum 101. Tag des Jahres. Für den weiteren Verlauf dieser Geschichte ist dies relativ Wurscht.

Es ereignete sich am 100. Tag des Jahres 1974, dass meine Mutter unter Schmerzen das Krankenhaus aufsuchte und mich gebar. Hier liegt der Kern, der dieser Geschichte zu Grunde liegt. Der 10. April.

42 Jahre zogen seitdem durchs Land. In meiner Jugend total Sportskanone, schränkten sich meine körperlichen Aktivitäten Anfang der 2000er Jahre stark ein und kamen wenig später zum Erliegen. Beruf, Familie, Eigenheimerrichtung, Selbständigkeit…man kennt das ja. Von einem austrainierten Bürschchen mit 62 Kilo, der Ausdauerwettkämpfe bestritt, hatte ich mich zum „g’standenen Mann“ entwickelt, 80 Kilo bei 177 cm Körperlänge. Pro…

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Herr Wageneder überlebt (Teil 1)

Eigentlich wollte ich dieses Blog mit einem anderen Beitrag beginnen. Mir ist da aber etwas dazwischengekommen: Wir befinden uns im Sommer 2015. Der heißeste Sommer seit Entdeckung des Thermometers (oder so).


Donnerstag, 2. Juli 2015
Abends treffe ich mich mit meinem Freund Klemens im Gastgarten. Als ich heimkomme, ist mir etwas flau zumute. Ich führe es auf das Schmalzbrot zurück, das ich gegessen habe. Alkohol hatte ich nicht viel getrunken, weil ich mit dem Auto unterwegs war.

Freitag, 3. Juli 2015
Ich arbeite, habe noch etwas fertig zu machen. Mittags treffe ich mich mit Tamara, meiner Partnerin, beim Hofladen in der Nähe. Ich hole mir ein Mittagessen, wir kaufen ein bisschen ein. Nachmittags gehe ich nochmals ins Büro und komme um ca. 17 Uhr nach Hause. Die Terrasse sollte geölt werden, aber es ist mir zu heiß. Außerdem fühle ich mich nicht ganz fit. Kurz darauf bekomme ich Schüttelfrost. Als Tamara heimkommt, misst sie meine Temperatur: über 39 °C. Ich denke an eine Sommergrippe und schaffe noch einen Tweet – es sollte der letzte für 13 Tage sein…

Samstag, 4. Juli 2015
Mir fehlt großteils die Erinnerung an diesen Tag. Ich weiß nur noch, dass mir die Schulter wehtat. Aufgrund des Browserverlaufs auf meinem Handy kann ich rekonstruieren, dass ich nach „Sommergrippe“ und „Sehnenriss Schulter“ gegoogelt habe.

Auch der WhatsApp-Verkehr mit meinen Schwestern an diesem Tag war einschlägig:

wie schaut´s heute aus?
Fieber ist niedriger, sonst gleich schlecht
bist in Zugluft gekommen? Klimaanlage?
Was weiß ich. Es ist so arg.

Jetzt auch noch Durchfall und Speiberei.

Sonntag, 5. Juli 2015
Meine Erinnerung ist wieder etwas lebendiger. Ich nicht.
Ich habe sehr schlecht geschlafen. Meine linke Schulter und meine linke Flanke sind stark geschwollen. Ich zeige sie Tamara, die Ärztin ist und den Verdacht auf Blutvergiftung äußert. Das Ganze dürfte von einem Furunkel auf meinem linken Schulterblatt ausgehen, das ich seit einigen Wochen habe. Ich gehe noch duschen (habe ja ziemlich geschwitzt) und packe ein paar Sachen fürs Krankenhaus. Dann fährt mich Tamara mit unserer Tochter Emilia (unser Sohn Constantin hat bei den Großeltern übernachtet) ins Linzer AKH, das Aufnahme hat. Da Tamara Emilia im Maxi-Cosi trägt, steige ich selbst die Stiegen von der Tiefgarage hinauf und von dort wieder hinunter in die Notaufnahme. Sehr praktisch, dass die im Untergeschoß ist.
Nach Aufnahme meiner Daten (Schuhgröße, Religionsbekenntnis etc. – gut, das war jetzt übertrieben) misst man mir den Blutdruck: 60/50 – das ist NICHT VIEL!!! Ich werde in den OP gebeten und ein Arzt sagt:

„Sie bekommen jetzt eine Narkose.“


Sonntag, 5. bis Sonntag, 12. Juli 2015 – künstlicher Tiefschlaf
„Aufgrund der schweren Sepsis und der damit verbundenen kritischen kardiorespiratorischen Situation wurde der Patient intubiert und auf die Intensivstation verlegt.“ (Auszug aus dem Arztbrief)

Das bedeutet frei übersetzt: akute Lebensgefahr aufgrund einer Blutvergiftung.
Meine Schwester und ihr Mann fliegen nicht auf Urlaub.
Meine Eltern schicken mir einen Priester für die letzte Ölung. Überlebt auch nicht jeder.

Tamara beginnt, mir E-Mails zu schreiben, in der Hoffnung, dass ich sie (die Mails) einmal lesen kann.

„Vor zwei Tagen habe ich dich noch ins AKH gebracht. Seither bange ich um Dein Leben und dass Du uns verlassen könntest.“

Ich selbst habe „nur“ zwei Träume in Erinnerung: In einem bekommen wir Zwillinge. Also Kind 3 und 4! Tamara befindet sich bei der Geburt in der Südsee.
Der zweite Traum entspricht eher meinem Zustand. Ich befinde mich im Ausland, konkret in Deutschland. Ich bin nackt und liege in einem Zug, kann jedoch nicht nach Hause zurück, weil ich keinen Ausweis bei mir habe. Ich bin verzweifelt. Zunächst ist der Zug in München, soweit ich mich erinnere komme ich vom Oktoberfest. Nach längerer Zeit fährt der Zug doch los und hält dann in Karpfham. Wer es nicht kennt: Das Karpfhamer Fest ist ein großes Volksfest in Bayern. Ich kenne es nur vom Hörensagen, war noch nie dort. Ich habe keine Ahnung, warum ich das träumte. Aber es hat vermutlich mit Bierdurst zu tun.

Tamara schreibt mir am Mittwoch: „Deine Fortschritte heute waren wirklich gut. Seit heute morgens kann Dein Zustand als stabil betrachtet werden. Außerdem hat dich OA Puchner auch für etwa 15′ aus dem Tiefschlaf geholt. Du hast mal Deine Arme und Beine bewegt. Du öffnetest kurz Deine Augen und bist sogar der Aufforderung nach einem faustschluss nachgekommen. Das war ziemlich anstrengend für Dich.

Donnerstag: „heute warst du schon 2x wach. Du konntest sogar durch Kopfbewegungen mit mir kommunizieren. Der Schlauch in deinem Hals scheint dich dann auch ziemlich zu irritieren – du beißt dann immer darauf herum. Auch am EKG Kabel zupfst du immer herum. Die Ärzte sind sehr zufrieden mit deinen Fortschritten.“

Es stellt sich heraus, dass der Keim vermutlich von der Mittelohrentzündung stammt, die mein Sohn vor Kurzem hatte.

Samstag: „jetzt brauchst du fast keine kreislaufunterstützenden Medikamente mehr. Dein Faustschluss ist schon viel stärker. Es geht steil bergauf mit dir.“

Sonntag: „der heutige Tag war sehr ereignisreich. Als ich dich zu mittags besuchte, bat ich die Schwester dich aufwachen zu lassen. Du warst relativ klar und wolltest sprechen, was natürlich nicht ging wegen dem beatmungsschlauch in deinem Mund. Dafür hast du die 3 Buchstaben WAR – warum auf einen Zettel gekritzelt. Ich hab dir erklärt warum du dich auf der Intensivstation im AKH Linz befindest. Und was für ein Tag heute ist wolltest du auch wissen. Dieser Schlauch in deinem Mund musste die volle Quälerei für dich sein. Aber zum Glück wurdest Du heute davon befreit. Alles wird gut!“

An dieses Aufwachen erinnere ich mich, allerdings hatte ich das Gefühl, dass ich kopfüber irgendwo hänge. Außerdem glaubte ich, wir hätten 2016. Naja, knapp daneben.

Am selben Abend werde ich dann endgültig aus dem Tiefschlaf geholt. Ich erinnere mich an zwei Ärztinnen, die mir den Tubus aus dem Mund holen, und an meine zwei Daumen, die ich währenddessen ständig hochhalte.
So ist das also, wenn man dem Tod von der Schaufel gesprungen ist.

So wirklich auskennen tu ich mich aber noch nicht, ich habe eine Sauerstoffmaske auf und bleibe halt liegen (ich könnte eh nicht aufstehen). Ich denke an meine Kinder, aber mir fällt der Name meiner Tochter erst nach einiger Zeit wieder ein 😦

Neben mir auf der Intensivstation liegt (angeblich) ein junger Bursche. Sehen kann ich ihn nicht, weil uns ein Paravent trennt, aber ich höre seine Schreie und sein Gejammer.
Schlafen kann ich in dieser Nacht nicht, aber nach rund 175 Stunden Schlaf ist man vermutlich auch ausgeschlafen.

Montag, 13. Juli 2015
Ich liege also auf der Intensivstation.
First things first: Am Morgen rasiert mich eine Helferin, die seit einer Woche in Ausbildung ist, noch dazu mit einer stumpfen Klinge. Es war ja meine größte Sorge, dass ich unrasiert auf der Intensivstation liege.
So wirklich realisiere ich nicht, was mit mir los ist. Am Vormittag kommen zwei Physiotherapeuten und machen einige leichte Übungen mit mir, die mich aber sehr anstrengen.
Zu Mittag besucht mich Tamara. Nachdem ich selbst nicht essen kann, darf sie mich gleich füttern. Suppe und Apfelmus, etwas anderes würde eh noch nicht wirklich gehen, und hungrig bin ich auch nicht. Trinken geht nur aus dem Schnabelhäferl (Schnabeltasse).
Ich kann nur leise sprechen, meine Mundwinkel sind eingerissen, mein Zahnfleisch ist entzündet, meine Augen sind angeblich ganz rot.

Irgendwann wundere ich mich, dass ich nie aufs Klo muss. Ich erfahre, dass ich einen Katheter habe. Eigentlich dachte ich ja, das sei ein Tisch für Lehrer. Und mir war nicht bewusst, dass der Harn dann „automatisch“ abrinnt.
Dann gibt es noch die Leibschüssel. Das ist kein Geschirr für die Lieblingsspeise, sondern die Lösung für die „große Seite“. Funktioniert allerdings bei den ersten Malen nicht (Zitat der Schwester: „Das war nur heiße Luft.“), da habe ich offenbar eine Blockade im Kopf.
Ingesamt alles Dinge, die man als „junger“ Mensch eigentlich nicht kennen muss. Aber noch ist mir dies alles egal (oder ich bin noch betäubt).

Dienstag, 14. Juli 2015
Ich habe in der Nacht wieder nichts geschlafen, mein Nachbar war ziemlich laut, ich hatte jedoch den Eindruck, dass er irgendwann ruhiggestellt wurde. Auf der Intensivstation herrscht quasi Dauerbetrieb. Alle paar Minuten piepst irgendetwas. Ich wäre froh um eine Schlaftablette, bekomme aber keine. Vielleicht habe ich das auch zu wenig artikuliert. Ich weiß es nicht.
Auch die Physios kommen wieder. Ich soll mich im Bett aufsitzen. Bistdudeppertmirwirdschwindlig.
Am Vormittag teilt mir ein Arzt mit, dass mein Zustand schon so gut sei, dass ich auf die Intermediate Care Unit (IMCU – das ist eine Art Intensivstation light) verlegt werde.
Ich scherze bereits mit dem Personal. Die Schwester, die mich auf die Verlegung vorbereitet, spricht vom Cava (nicht der spanische Schaumwein, sondern ein Zugang in die Halsvene), ich frage sie: „Was ist mit meinem Kadaver?“.

Als die diensthabende Ärztin auf der IMCU zu mir kommt, meine ich zu ihr: „Sie kenne ich!“ Sie hat mich tatsächlich schon behandelt, irgendetwas blieb also doch während des Tiefschlafes auch hängen. Später erzählt sie Tamara und mir, wie dramatisch sie meine Situation empfunden hat…
Als wir über meinen Beruf sprechen, benötigt sie gleich eine Rechtsauskunft. Immerhin, mein Hirn scheint noch zu funktionieren.

Der Pfleger auf der IMCU spielt sich als mein Sachwalter auf:
„So, jetzt tun Sie Radio hören.“
„Versuchen Sie, dass Sie untertags nicht mehr schlafen, damit Sie wieder einen normalen Rhythmus bekommen.“

Am Nachmittag besucht mich meine Schwester Monika aus Wien, später kommt auch Tamara.
Plötzlich wird mir furchtbar kalt. Meine Temperatur ist auf über 38 °C gestiegen. Super. Aber noch im Rahmen.

Als sich der Pfleger für den Nachtdienst vorstellt, teile ich ihm mit, dass ich als guten Einstand gleich einmal die Schüssel brauche. Ist ihm aber eh egal, ist er ja gewöhnt.

Dann gibts noch die „Abendtablette“ – was immer das ist. Aber momentan bin ich einfach ein unkritischer Patient und hinterfrage nichts. Also, her damit.

Nachts kann ich wieder nicht schlafen. Der Pfleger massiert mich mit Lavendelöl, aber das nutzt auch nichts. Außerdem habe ich Panik, ich spüre Hautunreinheiten und befürchte, dass die Sepsis wieder von vorn losgeht.

Mittwoch, 15. Juli 2015
Auch das Personal dürfte nicht viel schlafen, denn schon vor 5 Uhr startet der Tag. Licht an, Blutdruckmessen, Fiebermessen, was weiß ich. Morgentablette? Natürlich.
Schon vor 6 Uhr kommt der Primar zur Visite, warum auch immer das so früh sein muss. „Wissen Sie, was mit Ihnen los war?“ „Ungefähr.“

Mein Sachwalter-Pfleger hat wieder Tagdienst. Radio hören! Belastet mich zwar, aber ihm zuliebe mache ich es kurz.
Er dürfte in seinem früheren Beruf Friseur gewesen sein, denn am Vormittag macht er mit Hingabe meine Körperpflege, inklusive Haarwäsche mit einem Trockenshampoo (was immer das ist) und föhnen. Rasieren? „Brauchma ned“, meine ich. „Brauchma schon“, meint er. „Im Krankenhaus immer rasieren, solange es eine scharfe Klinge gibt.“
Die ganze Prozedur dauert ungefähr eine Stunde, inklusive Verbandswechsel. Dem weiblichen Personal scheint mein neuer Look zu gefallen. Kann aber auch daran liegen, dass ich erstmals wieder meine Brille aufsetze.
Der Pfleger möchte auch meine Wunden fotografieren.
Ich habe Wunden? Sehr interessant, habe ich noch nicht bemerkt. Aber wenn er es sagt, wird es stimmen. Also frage ich nicht nach.

So, jetzt gibts Frühstück. Es steht auch Mobilisation auf dem Programm. Er setzt mich in einen Sessel, der eh vorne eine Absperrung hat, damit ich nicht hinausfalle. OooooooohmeinKreislauf! Das Semmerl schmiert er mir, das könnte ich eh noch nicht. Nach ungefähr zwanzig Minuten in meinem Sesserl bin ich durchgeschwitzt und völlig erschöpft. Hinlegen, bitte!

Aufgrund meiner Schlafstörungen und Ängste habe ich darum ersucht, dass eine Psychologin zu mir kommt. Sie macht Entspannungsübungen mit mir.
Währenddessen fummelt plötzlich jemand an meinen Zehen herum. Sehr förderlich für die Entspannung. Es ist ein mir unbekannter Arzt. „Schauen ja eh schon wieder ganz gut aus“, meint er. Eher blau und gefühllos, denke ich mir, aber bis jetzt ist mir das auch noch nicht aufgefallen.
„Waren Sie bei meiner Behandlung dabei?“ „Ja, ich bin Chirurg, aber die Hauptarbeit haben die Intensivmediziner gemacht.“

Zum Mittagessen gibt es…Leberkäse. Sehr interessant für eine Intensivstation. Aber egal, so wirklich Hunger habe ich noch nicht und außerdem brennt mein Zahnfleisch, sobald ich etwas esse, was Säure enthält (Tomaten, Essig etc.).

Am Nachmittag lässt mich mein Sachwalter zuerst doch rasten, aber zuvor legt er mir noch eine Blutdruckmanschette an, die sich alle 15 Minuten automatisch aufpumpt. Ich soll dann den Arm ausstrecken. Sehr gut für die Ruhe.

Nach dem Nickerchen dreht er den Fernseher auf. Gemeinsam mit dem Bettnachbarn und der Ärztin schauen wir Tour de France. Noch ist mir nicht wirklich bewusst, dass mir in den nächsten Wochen und Monaten auch zahlreiche Bergetappen bevorstehen.

Später besuchen mich meine Eltern, dann gibts Abendessen.
Der dazu gereichte Tee ist goldgelb. „Schaut aus wie Bier“, sage ich zu meinem Pfleger.
„Wollen Sie eins?“, fragt er mich und bringt mir tatsächlich ein Glas.
Retrospektiv bin ich mir sicher, es war alkoholfrei.

Nach dem Abendessen – um circa 18 Uhr (!) – muss ich Zähne putzen. Offenbar ist es Krankenhausgesetz, dass das noch der Tagdienst übernimmt.
Dann besucht mich noch Tamara, die der Pfleger eine halbe Stunde draußen warten ließ. Essen und Zähneputzen ist ja doch zu intim, da sollte die eigene Partnerin nicht dabei sein.

Zum Nachtdienst kommt wieder der gleiche Pfleger wie gestern.
„Sie müssen schon wieder arbeiten?“
„Man könnte auch sagen, ich DARF schon wieder arbeiten.“
Da hat er recht, wäre mir auch lieber.

Nach drei Nächten kann ich erstmals schlafen. Die Entspannungsübungen scheinen also zu helfen, auch wenn ich ziemlich wirres Zeug träume.

Donnerstag, 16. Juli 2015
Bereits um 6 Uhr findet wieder die Visite durch den Primar statt. Die Oberärztin schlägt ihm vor, dass ich heute aufs Zimmer verlegt werde. Er ist etwas skeptisch. „Bei einer so schweren Krankheit wie Ihrer sind wir vorsichtig. Aber Sie können ja wieder zurückverlegt werden.“
Werde ich sicher nicht, denke ich mir.

Im Tagdienst kommt eine (ost?)deutsche Schwester. Als sie meinen Verband wechselt und die Pflaster abzieht, sagt sie: „Das ziept jetzt ein bisschen.“
Es ziepte nicht nur ein bisschen, sondern sehr. Wenn ich gewusst hätte, dass ich ins Krankenhaus komme, hätte ich vorher eine Ganzkörperrasur durchgeführt.

Auch Oberarzt Puchner besucht mich (Aufmerksame LeserInnen erinnern sich an ihn).
„Sie werden mich nicht kennen“, meint er und möchte wissen, wie ich das Ganze erlebt habe. Ich erzähle ihm, woran ich mich erinnere.
„Gibt es etwas in medizinischer Hinsicht, was Sie stört?“
„Der Katheter.“
„Der Harnkatheter? Den brauchen Sie eh nimmer. Sagen Sie es der Schwester, dann bekommen Sie ihn raus.“

Nachdem ich der Schwester verprochen habe, dass ich auch ohne Katheter urinieren werde, entfernt sie – tieeeef einatmen, tieeeef ausatmen – ihn mir.

Auch die Psychologin kommt nochmal. Sie freut sich mit mir, dass ich schlafen konnte. Wir machen die Entspannungsübung noch einmal. Währenddessen bekommt mein Bettnachbar eine Gallenspiegelung und würgt herum. Eher kontraproduktiv.

Dann geht es los! Ich werde in den 5. Stock auf die Chirurgie-Station gebracht.
Ich bekomme ein Einzelzimmer, mit Couch und Kühlschrank (ich nenne ihn Minibar). Nach dem Einchecken (Blutdruck-, Puls- und Fiebermessen) setzt man mir noch eine Sauerstoffmaske auf. Dann lässt man mich in Ruhe. Kein Piepsen, kein Personal, einfach Stille.
Ich balle jubelnd die Fäuste zusammen.

 

Fortsetzung hier.

 

 

Hallo Welt!

Da bin ich! Georg. Ich habe ja früher schon gebloggt. Mehr oder weniger. Also mehr weniger. Einerseits 2007 über unsere Südostasienreise. Andererseits bloß so über Diverses. Aber sehr unregelmäßig. Sehr blöd für ein Blog. Aber wer hätte denn Zeit? Jetzt hat der @wuchale von Twitter (sein Blog hier) angeregt, ich möge (wieder mehr) bloggen. Also will ich es versuchen. Wohin wird die Reise gehen? Ich weiß es nicht. Vermutlich wird es eher persönlich. „Alltägliche Dinge, die (mich) bewegen“ schrieb ich damals. Gefällt mir immer noch. Vielleicht gibt es auch Berufliches, Fachliches. Wir werden sehen. Möge die Übung mit euch LeserInnen gelingen!